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Einseitiges, fortgeschrittenes Glaukom

Hallo in die Runde,

habe hier einen männlichen Neukunden mit 53 Jahren.

Refra
R +1,25

L +2,25  -0.25 125°  Add 1.75

Visus beidseitig 1.25

IOD R 19 L 15 Korrektur Rechts +4,2 bei 461 µm Links + 4,0 bei 465µm um 16:00 Uhr

Amsler, Hirschberg, Red-Cap unauffällig

Easyscanaufnahme: Rechts auffällige Silberstreifen in Arterien, Papille auffällig und Links inferior und superior auffällig

OCT:  Papille rechts eigentlich so alles Auffällig  Links Bruch des RPE mit leichter Flüssigkeitseinlagerung ( Muss man beobachten )

Keine Medikamentationen.

Hab den Kunden zum Hausarzt und zum Augenarzt geschickt. Kunde ist auch eher ein Angstpatient. Kam heute vom AA zurück völlig aufgelöst mit der Aussage : Rechts wird er erblinden und hat Ihm nur Tropfen zum IOD senken mitgegeben bzw auch in der Praxis auch schon getropft. Wir haben heute um 17:30 gleich nochmal IOD gemessen R 33 L 19

Termin zur Gesichtsfeldmessung in 6 Wochen

Ich frage mich wo holt der Kunde den Visus mit 1.25 bei einer NFL von 46 her? Das passt für mich nicht zusammen.

Bin schon auf eure Auswertungen gespannt.

 

Liebe Grüße aus Nidderau

 

Christian

 

Hochgeladene Dateien:

Hallo zusammen,

leider handelt es sich hier um keinen schönen Fall – weder was die objektiven Befunde betrifft, noch in Bezug auf die bisherige augenärztliche Aufklärung.

Fakt ist: Die OCT sowie die Fundusfotografie des rechten Auges zeigen eine deutlich fortgeschrittene Exkavation der Papille. Auch die RNFL-Messung spricht eine klare Sprache: Es liegt eine generalisierte, ausgeprägte Ausdünnung der Nervenfaserschicht vor – ein klar pathologischer Befund. Im Vergleich dazu erscheint das linke Auge völlig unauffällig mit regelrechter Struktur.

Was zunächst irritierend wirkt – die fehlende subjektive Symptomatik – ist klinisch durchaus nachvollziehbar. Bei einem Glaukom geht der Visus in der Regel erst spät verloren, da sich der Schaden typischerweise im peripheren Gesichtsfeld entwickelt. Dadurch bleibt das zentrale Sehen lange erhalten. In vielen Fällen fällt eine beidseitige Beeinträchtigung früher auf. In diesem Fall kompensiert das gesunde linke Auge allerdings vollständig, was zur Folge hat, dass der Patient subjektiv kaum Einschränkungen wahrnimmt.

Das macht den Fall jedoch umso kritischer: Am rechten Auge sind bereits nur noch sehr wenige Nervenfasern funktionell erhalten. Ohne engmaschige Kontrolle und therapeutische Maßnahmen ist zu befürchten, dass auch diese letzten Fasern zugrunde gehen – mit potenziell drastischen Folgen für das betroffene Auge. Das vom Kollegen skizzierte "Horrorszenario" ist in diesem Fall leider keineswegs unrealistisch aber bei rechtzeitiger Intervention vermeidbar.

Da der intraokulare Druck im Normbereich liegt, müssen wir von einem Normaldruckglaukom am rechten Auge ausgehen – einer seltenen, aber sehr ernst zu nehmenden Verlaufsform. Trotz normwertiger Druckwerte ist es hier essenziell, den Augendruck aktiv zu senken. Aus klinischer Erfahrung ist ein Zielwert von ca. 10 mmHg anzustreben. Studien belegen, dass sich dadurch das Risiko einer weiteren Schädigung deutlich reduzieren lässt – was in diesem Fall entscheidend ist, um das verbliebene Sehvermögen zu erhalten.

Meiner Einschätzung nach  kann die weiterführende Gesichtsfeld-Diagnostik in etwa sechs Wochen erfolgen. Allerdings würde ich angesichts des bereits fortgeschrittenen Schadens dringend empfehlen, bereits jetzt mit einer drucksenkenden lokalen Therapie zu beginnen.

Die einseitige Ausprägung eines so fortgeschrittenen Glaukoms ist ungewöhnlich und sollte interdisziplinär abgeklärt werden. Eine Vorstellung beim Hausarzt ist sinnvoll – insbesondere zur Abklärung systemischer Risikofaktoren. Zusätzlich halte ich eine apparative neuroradiologische Diagnostik (cMRT oder cCT) zur Beurteilung des Sehnervenverlaufs und möglicher zerebraler Ursachen für absolut angezeigt und würde dies dem Patienten auch aktiv empfehlen.

Besonders wichtig erscheint mir in diesem Fall auch der kommunikative Umgang mit dem Patienten: Als Angstpatient benötigt er nicht nur fachlich fundierte Information, sondern vor allem emotionale Begleitung. Natürlich ist es ein Schock, zu erfahren, dass der Sehnerv des rechten Auges bereits irreversible Schäden aufweist. Dennoch sollten wir klar vermitteln: Das verbliebene Sehvermögen lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit erhalten – vorausgesetzt, wir greifen jetzt konsequent ein. Die moderne Medizin bietet hierfür zahlreiche wirkungsvolle Möglichkeiten.

Insgesamt also ein Fall, der uns fachlich und menschlich gleichermaßen fordert – und bei dem wir durch strukturiertes Vorgehen und gute Kommunikation viel bewirken können.

Beste Grüße in die Runde und bis bald!

Dr. med. Joshua Torrent Despouy

Georg Scheuerer und Martin Kneppeck haben auf diesen Beitrag reagiert.
Georg ScheuererMartin Kneppeck

Guten Morgen,

danke für die , wie immer 😎, tolle Ausführung. Werde das meinem Kunden so auch an die Hand geben.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Funk

Hallo,

 

 

 

ich drücke die Daumen, damit dem Patienten lange das Sehvermögen erhalten bleibt. Zum Glück hier ja das linke Auge gut, schon seltsam, dass es so einseitig ist. Können wir noch die GCL/IPL Komplex-Analyse bekommen und evtl. Gesichtsfeld falls vorhanden? Danke für den Fall und Danke an Dr. Torrent für die Erklärungen.

Viele Grüße

 

Georg Scheuerer

Gesichtsfeld wird erst in 6 Wochen gemacht

LG

Christian Funk

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  • 20250717_161025_Papille_3D_R_ADVANCED_6mm_512x128.png

Guten Morgen,

Gerade die einseitige und fortgeschrittene Manifestation einer Sehnerven/RNFL Veränderungen dieser Art sollte Anlass sein, auch andere – wenn auch seltene – Differenzialdiagnosen in Erwägung zu ziehen. Neben der typischen glaukomatösen Optikusneuropathie kommen hier insbesondere vaskuläre, entzündliche oder kompressive Ursachen im Bereich des Sehnervs und Chiasmas in Betracht. Eine gezielte neuroradiologische Abklärung (z. B. cMRT) ist daher aus meiner Sicht unbedingt empfehlenswert, um eine atypische Genese sicher auszuschließen.

Viele Grüße,

Dr. Torrent

Georg Scheuerer hat auf diesen Beitrag reagiert.
Georg Scheuerer

Hallo,

Danke für die GCL/IPL-Analyse. Ich habe gerade im Eingangsbeitrag gelesen, dass der IOD rechts beim zweiten Besuch 33 mmHg betrug. Das hatte ich tatsächlich überlesen. Einseitige Druckunterschiede sind eher typisch für sekundäre Glaukome (PEX/PDG/PSS …). Ich würde daher noch einmal überprüfen, ob man typische Marker findet (Proteinablagerungen an der Linse, Krukenberg-Spindel …). Eine Gonioskopie beim Augenarzt wäre vielleicht auch sinnvoll, falls noch nicht geschehen.

Interessant! Wir hoffen, dass das cMRT, die weitere Diagnostik und der Verlauf günstig ausfallen!

viele Grüße
Georg Scheuerer