Glaukom oder Makropapille?
Zitat von Isabel Bauch am 6. Dezember 2025, 13:41 UhrSehr geehrter Dr. Despoy,
bei einem 48-jährigen männlichen Patienten habe ich im Zuge der Augengesundheitsvorsorge eine Aufnahme von den Papillen gemacht. Diese weisen im Funsusbild einen verbreiterten Randsaum und eine sehr groß Exkavation auf. Dass die Blutgefäße richtig extrem abknicken, würde ich hier nicht sagen. Im Papillen-OCT sieht man vom rechten und linken Auge eine 93%ige Übereinstimmung der Kurven mit der Nervenfaserdichte. Der korrigierte IOP liegt rechte bei 18,3 mmHg und links bei 17,9 mmHg.
Würde man hier jetzt von einem glaukomatösen Schaden sprechen, der an den AA verwiesen gehört, oder ist hier trotz der oben beschriebenen Auffälligkeiten alles physiologisch?
Vielen Dank!
Liebe Grüße
Sehr geehrter Dr. Despoy,
bei einem 48-jährigen männlichen Patienten habe ich im Zuge der Augengesundheitsvorsorge eine Aufnahme von den Papillen gemacht. Diese weisen im Funsusbild einen verbreiterten Randsaum und eine sehr groß Exkavation auf. Dass die Blutgefäße richtig extrem abknicken, würde ich hier nicht sagen. Im Papillen-OCT sieht man vom rechten und linken Auge eine 93%ige Übereinstimmung der Kurven mit der Nervenfaserdichte. Der korrigierte IOP liegt rechte bei 18,3 mmHg und links bei 17,9 mmHg.
Würde man hier jetzt von einem glaukomatösen Schaden sprechen, der an den AA verwiesen gehört, oder ist hier trotz der oben beschriebenen Auffälligkeiten alles physiologisch?
Vielen Dank!
Liebe Grüße
Hochgeladene Dateien:Zitat von Joshua Torrent Despouy am 6. Dezember 2025, 23:45 UhrHallo zusammen,
ein Fall, wie wir ihn aus dem klinischen Alltag nur allzu gut kennen – und einer, der uns immer wieder daran erinnert, wie sehr Diagnostik sowohl Erfahrung als auch Interpretation erfordert. Wie bereits treffend beschrieben, finden sich Befunde, die durchaus für ein Glaukom sprechen könnten, und andere, die damit nicht vollständig in Einklang zu bringen sind. Genau hier beginnt die Kunst unserer Einschätzung – eine Mischung aus fachlicher Analyse und einem gewissen Maß an Bauchgefühl.
Bei den Fundusaufnahmen zeigen sich grenzwertig große Papillen, allerdings ohne die typischen Merkmale eines glaukomatösen Schadens. Der Randsaum wirkt homogen, eine Gefäßverdrängung, Abknickung oder Einkerbung – wie sie für ein Glaukom charakteristisch wären – findet sich nicht. Die OCT-Analyse hingegen weist eine deutliche Abweichung der Sehnervenform aus. Diese Diskrepanz lässt jedoch vermuten, dass der Algorithmus – möglicherweise aufgrund einer Tendenz zur Makropapille – die Papillenmorphologie nicht korrekt erfasst. Gerade deshalb ist die kritische Betrachtung der Zusatzparameter unerlässlich, wenn wir das Risiko eines Glaukomschadens zuverlässig beurteilen wollen.
Die zunächst alarmierend wirkende Formveränderung der Papille sagt allein noch nichts über das Vorliegen eines Glaukoms aus. Wie wir wissen, beruht die glaukomatöse Pathologie primär auf dem neurodegenerativen Verlust von Nervenfasern, der sich sekundär in der Papillenform widerspiegelt. Daher richtet sich der Blick im nächsten Schritt konsequent auf die Nervenfaserschicht:
Hier zeigt sich in allen Sektoren ein unauffälliger, regelrechter RNFL-Status. Auch die grafische Ringanalyse weist keinerlei Hinweis auf eine pathologische Veränderung auf. Zusammen mit einem normalen Augeninnendruck deutet dies sehr klar darauf hin, dass wir es mit einer Makropapille zu tun haben, deren Größe den Algorithmus irritiert hat – ohne dass tatsächlich ein Schaden vorliegt.Wenn die Befunde dennoch nicht vollständig harmonieren oder der Wunsch nach zusätzlicher Sicherheit besteht, können folgende Schritte ergänzen:
Analyse der makulären Ganglienzellschicht (GCL) / RNFL:
Ein sehr zuverlässiger Parameter bei der Beurteilung potenzieller glaukomatöser Läsionen. Hier lohnt ein genauer Blick auf mögliche Veränderungen des bekannten „Donut-Signs“.Verlaufskontrolle:
Sie bleibt das verlässlichste Mittel zur Unterscheidung zwischen physiologischen Varianten und beginnender Pathologie. Die einfache Regel lautet: Bleibt alles stabil, handelt es sich um einen Normalbefund; zeigen sich Veränderungen, besteht Handlungsbedarf.Insgesamt spricht in diesem Fall alles für einen unauffälligen Befund. Die unauffällige Papillenmorphologie im Fundus, der regelrechte RNFL-Status sowie der normale IOD unterstützen diese Einschätzung eindeutig. Zur Absicherung empfiehlt sich eine Kontrolle in etwa einem Jahr oder – falls gewünscht – eine zusätzliche augenärztliche Mitbeurteilung.
Ich wünsche dem gesamten Forum einen wunderbaren 2. Advent!
Dr. Joshua Torrent Despouy
Hallo zusammen,
ein Fall, wie wir ihn aus dem klinischen Alltag nur allzu gut kennen – und einer, der uns immer wieder daran erinnert, wie sehr Diagnostik sowohl Erfahrung als auch Interpretation erfordert. Wie bereits treffend beschrieben, finden sich Befunde, die durchaus für ein Glaukom sprechen könnten, und andere, die damit nicht vollständig in Einklang zu bringen sind. Genau hier beginnt die Kunst unserer Einschätzung – eine Mischung aus fachlicher Analyse und einem gewissen Maß an Bauchgefühl.
Bei den Fundusaufnahmen zeigen sich grenzwertig große Papillen, allerdings ohne die typischen Merkmale eines glaukomatösen Schadens. Der Randsaum wirkt homogen, eine Gefäßverdrängung, Abknickung oder Einkerbung – wie sie für ein Glaukom charakteristisch wären – findet sich nicht. Die OCT-Analyse hingegen weist eine deutliche Abweichung der Sehnervenform aus. Diese Diskrepanz lässt jedoch vermuten, dass der Algorithmus – möglicherweise aufgrund einer Tendenz zur Makropapille – die Papillenmorphologie nicht korrekt erfasst. Gerade deshalb ist die kritische Betrachtung der Zusatzparameter unerlässlich, wenn wir das Risiko eines Glaukomschadens zuverlässig beurteilen wollen.
Die zunächst alarmierend wirkende Formveränderung der Papille sagt allein noch nichts über das Vorliegen eines Glaukoms aus. Wie wir wissen, beruht die glaukomatöse Pathologie primär auf dem neurodegenerativen Verlust von Nervenfasern, der sich sekundär in der Papillenform widerspiegelt. Daher richtet sich der Blick im nächsten Schritt konsequent auf die Nervenfaserschicht:
Hier zeigt sich in allen Sektoren ein unauffälliger, regelrechter RNFL-Status. Auch die grafische Ringanalyse weist keinerlei Hinweis auf eine pathologische Veränderung auf. Zusammen mit einem normalen Augeninnendruck deutet dies sehr klar darauf hin, dass wir es mit einer Makropapille zu tun haben, deren Größe den Algorithmus irritiert hat – ohne dass tatsächlich ein Schaden vorliegt.
Wenn die Befunde dennoch nicht vollständig harmonieren oder der Wunsch nach zusätzlicher Sicherheit besteht, können folgende Schritte ergänzen:
-
Analyse der makulären Ganglienzellschicht (GCL) / RNFL:
Ein sehr zuverlässiger Parameter bei der Beurteilung potenzieller glaukomatöser Läsionen. Hier lohnt ein genauer Blick auf mögliche Veränderungen des bekannten „Donut-Signs“. -
Verlaufskontrolle:
Sie bleibt das verlässlichste Mittel zur Unterscheidung zwischen physiologischen Varianten und beginnender Pathologie. Die einfache Regel lautet: Bleibt alles stabil, handelt es sich um einen Normalbefund; zeigen sich Veränderungen, besteht Handlungsbedarf.
Insgesamt spricht in diesem Fall alles für einen unauffälligen Befund. Die unauffällige Papillenmorphologie im Fundus, der regelrechte RNFL-Status sowie der normale IOD unterstützen diese Einschätzung eindeutig. Zur Absicherung empfiehlt sich eine Kontrolle in etwa einem Jahr oder – falls gewünscht – eine zusätzliche augenärztliche Mitbeurteilung.
Ich wünsche dem gesamten Forum einen wunderbaren 2. Advent!
Dr. Joshua Torrent Despouy
Zitat von Isabel Bauch am 7. Dezember 2025, 17:21 UhrSehr geehrter Dr. Despouy,
Ich danke Ihnen herzlichst für Ihre ausführliche und gut verständliche Analyse des Falls. Ich wünsche ebenfalls allen einen schönen 2. Advent.
Sehr geehrter Dr. Despouy,
Ich danke Ihnen herzlichst für Ihre ausführliche und gut verständliche Analyse des Falls. Ich wünsche ebenfalls allen einen schönen 2. Advent.
Zitat von Martin Kneppeck am 19. Dezember 2025, 17:31 UhrIch war am 13.12. auf einer Fortbildungsveranstaltung der UKB. Dort wurden im Rahmen eines Kurzvortrages die Änderungen in den ärztlichen Leitlinien und Neuerungen in der Glaukomdiagnostik und -behandlung vorgestellt:
Diagnostik:
1. Die Beurteilung des C/D Ratio entfällt, da mit der NFL Messung ein präziseres Kriterium existiert.
2. Die HH-Dicke wird nur noch benötigt um die Tensio-Korrektur zu errechnen, weitere Ableitungen werden aus er HH-Dicke nicht mehr gebildet.
Behandlung:
Bei der Medikamentengabe sind Dauermedikationsträger verfügbar, welche in den Kammerwinkel gesetzt werden, um eine Dauermedikation zu ermöglichen.
In angelsächsischen Ländern ist (Stand jetzt lt. Priv.-Doz. Dr. Karl Mercieca) die Glaukombehandlung mittels Laser gebräuchlicher als die Therapie mit Medikamenten. Die soll auch bei uns ein Standard für die Zukunft werden.
Ich wünsche Euch einen friedvollen, besinnlichen 4. Advent!
Ich war am 13.12. auf einer Fortbildungsveranstaltung der UKB. Dort wurden im Rahmen eines Kurzvortrages die Änderungen in den ärztlichen Leitlinien und Neuerungen in der Glaukomdiagnostik und -behandlung vorgestellt:
Diagnostik:
1. Die Beurteilung des C/D Ratio entfällt, da mit der NFL Messung ein präziseres Kriterium existiert.
2. Die HH-Dicke wird nur noch benötigt um die Tensio-Korrektur zu errechnen, weitere Ableitungen werden aus er HH-Dicke nicht mehr gebildet.
Behandlung:
Bei der Medikamentengabe sind Dauermedikationsträger verfügbar, welche in den Kammerwinkel gesetzt werden, um eine Dauermedikation zu ermöglichen.
In angelsächsischen Ländern ist (Stand jetzt lt. Priv.-Doz. Dr. Karl Mercieca) die Glaukombehandlung mittels Laser gebräuchlicher als die Therapie mit Medikamenten. Die soll auch bei uns ein Standard für die Zukunft werden.
Ich wünsche Euch einen friedvollen, besinnlichen 4. Advent!
Hochgeladene Dateien:Zitat von Martin Kneppeck am 19. Dezember 2025, 20:04 Uhr... jetzt muss ich mich korrigieren denn ich wollte schreiben:
2. Die HH-Dicke wird nicht mehr benötigt um die Tensio-Korrektur zu errechnen, weitere Ableitungen werden aus er HH-Dicke nicht mehr gebildet.
(Seite 73 des oben abgebildeten Leitfadens)
... jetzt muss ich mich korrigieren denn ich wollte schreiben:
2. Die HH-Dicke wird nicht mehr benötigt um die Tensio-Korrektur zu errechnen, weitere Ableitungen werden aus er HH-Dicke nicht mehr gebildet.
(Seite 73 des oben abgebildeten Leitfadens)
Hochgeladene Dateien:
Zitat von Joshua Torrent Despouy am 21. Dezember 2025, 16:21 UhrHallo zusammen,
tatsächlich zeichnet sich langsam, aber sicher ein Paradigmenwechsel in der Glaukomdiagnostik und -therapie ab. Es bleibt spannend zu beobachten, welche Konzepte sich langfristig in der klinischen Praxis etablieren werden.
Als maßgebliche Referenz für die Glaukomdiagnostik gelten weiterhin die Leitlinien der European Glaucoma Society (EGS), wie auch in den dargestellten Slides aufgeführt. Diese Leitlinien haben ihre Bewertung der zentralen Hornhautdicke (Central Corneal Thickness, CCT) in den letzten Jahren angepasst: Die CCT soll nicht mehr isoliert oder korrigierend zur Augeninnendruckmessung herangezogen werden, jedoch weiterhin in die individuelle Risikoeinschätzung des Patienten einfließen (siehe entsprechende Abbildung).
Die klassische Bewertung der Cup-to-Disc-Ratio (CDR) ist ein sehr alter und stark subjektiver Parameter. Bereits früh konnte durch den Einsatz der optischen Kohärenztomographie (OCT) gezeigt werden, dass die CDR als isolierter diagnostischer Marker keine ausreichende Aussagekraft besitzt und damit im engeren Sinne obsolet ist. Diese Einschätzung vertrete ich auch in meinen Seminaren und Vorträgen seit mehr als ein Jahrzehnt, findet jedoch erst in jüngerer Zeit konsequent Berücksichtigung in den Leitlinien. Dennoch bleibt die Exkavation des Sehnervenkopfes relevant – allerdings nicht ihr absoluter Wert, sondern vielmehr Form, Dynamik und Muster der Veränderung. Entscheidend sind hierbei insbesondere die Randsaumverteilung, der Gefäßverlauf sowie die Morphologie der Exkavation, die gemeinsam einen hohen Stellenwert in der Risikostratifizierung haben.
Die Glaukomdiagnostik bleibt insgesamt äußerst anspruchsvoll. Die Diagnosesicherung ist multifaktoriell, individuell geprägt und basiert auf der Integration zahlreicher Parameter. Dies erfordert eine intensive Auseinandersetzung sowohl mit der Erkrankung als auch mit dem einzelnen Patienten. Auch OCT-basierte Parameter sind nicht isoliert belastbar, da sekundäre Veränderungen – etwa durch Myopie, strukturelle Anpassungen, sogenannte „Gleiseffekte“ oder reaktive Umbauvorgänge – die Messergebnisse verfälschen und zu Fehldeutungen führen können.
Therapeutisch stehen bekanntermaßen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Die selektive Lasertrabekuloplastik (SLT) setze ich seit über 15 Jahren ein, jedoch stets differenziert und nicht automatisch als First-Line-Therapie. Der Therapieerfolg ist nicht bei allen Patienten gleich und hängt unter anderem von der Kammerwinkelanatomie, dem Pigmentierungsgrad des Trabekelmaschenwerks sowie von der oft begrenzten Wirkdauer ab. Dennoch ist SLT ein effektives Verfahren, das in geeigneten Fällen durchaus häufiger genutzt werden könnte.
Das Prostaglandin-Implantat in der Vorderkammer stellt ein seit Jahren erwartetes und grundsätzlich vielversprechendes Konzept dar. Allerdings zeigt sich auch hier, dass die klinische Realität komplexer ist, als es teilweise dargestellt wird. Die Anatomie der Vorderkammer sowie insbesondere der Endothelzellstatus spielen eine entscheidende Rolle. In klinischen Studien wurden irreversible Endothelzellverluste mit konsekutiver Hornhautdekompensation als relevante Komplikationen beschrieben, ebenso entzündliche Reaktionen und eine sekundäre Kataraktentwicklung. Gerade der Endothelzellverlust bereitet erhebliche Sorgen, da er im Extremfall eine (Teil-)Hornhauttransplantation erforderlich machen kann. Vor diesem Hintergrund hat die Firma AbbVie das Konzept im vergangenen Jahr in Europa eingestellt. In den USA ist das Implantat weiterhin zugelassen, in Europa jedoch bislang nicht. Trotz dieser Einschränkungen bleibt die weitere Entwicklung dieses Ansatzes aus wissenschaftlicher Sicht interessant, und eine vertiefte Erforschung wäre wünschenswert.
Ich wünsche allen eine besinnliche Vorweihnachtszeit!
Joshua Torrent
Hallo zusammen,
tatsächlich zeichnet sich langsam, aber sicher ein Paradigmenwechsel in der Glaukomdiagnostik und -therapie ab. Es bleibt spannend zu beobachten, welche Konzepte sich langfristig in der klinischen Praxis etablieren werden.
Als maßgebliche Referenz für die Glaukomdiagnostik gelten weiterhin die Leitlinien der European Glaucoma Society (EGS), wie auch in den dargestellten Slides aufgeführt. Diese Leitlinien haben ihre Bewertung der zentralen Hornhautdicke (Central Corneal Thickness, CCT) in den letzten Jahren angepasst: Die CCT soll nicht mehr isoliert oder korrigierend zur Augeninnendruckmessung herangezogen werden, jedoch weiterhin in die individuelle Risikoeinschätzung des Patienten einfließen (siehe entsprechende Abbildung).
Die klassische Bewertung der Cup-to-Disc-Ratio (CDR) ist ein sehr alter und stark subjektiver Parameter. Bereits früh konnte durch den Einsatz der optischen Kohärenztomographie (OCT) gezeigt werden, dass die CDR als isolierter diagnostischer Marker keine ausreichende Aussagekraft besitzt und damit im engeren Sinne obsolet ist. Diese Einschätzung vertrete ich auch in meinen Seminaren und Vorträgen seit mehr als ein Jahrzehnt, findet jedoch erst in jüngerer Zeit konsequent Berücksichtigung in den Leitlinien. Dennoch bleibt die Exkavation des Sehnervenkopfes relevant – allerdings nicht ihr absoluter Wert, sondern vielmehr Form, Dynamik und Muster der Veränderung. Entscheidend sind hierbei insbesondere die Randsaumverteilung, der Gefäßverlauf sowie die Morphologie der Exkavation, die gemeinsam einen hohen Stellenwert in der Risikostratifizierung haben.
Die Glaukomdiagnostik bleibt insgesamt äußerst anspruchsvoll. Die Diagnosesicherung ist multifaktoriell, individuell geprägt und basiert auf der Integration zahlreicher Parameter. Dies erfordert eine intensive Auseinandersetzung sowohl mit der Erkrankung als auch mit dem einzelnen Patienten. Auch OCT-basierte Parameter sind nicht isoliert belastbar, da sekundäre Veränderungen – etwa durch Myopie, strukturelle Anpassungen, sogenannte „Gleiseffekte“ oder reaktive Umbauvorgänge – die Messergebnisse verfälschen und zu Fehldeutungen führen können.
Therapeutisch stehen bekanntermaßen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Die selektive Lasertrabekuloplastik (SLT) setze ich seit über 15 Jahren ein, jedoch stets differenziert und nicht automatisch als First-Line-Therapie. Der Therapieerfolg ist nicht bei allen Patienten gleich und hängt unter anderem von der Kammerwinkelanatomie, dem Pigmentierungsgrad des Trabekelmaschenwerks sowie von der oft begrenzten Wirkdauer ab. Dennoch ist SLT ein effektives Verfahren, das in geeigneten Fällen durchaus häufiger genutzt werden könnte.
Das Prostaglandin-Implantat in der Vorderkammer stellt ein seit Jahren erwartetes und grundsätzlich vielversprechendes Konzept dar. Allerdings zeigt sich auch hier, dass die klinische Realität komplexer ist, als es teilweise dargestellt wird. Die Anatomie der Vorderkammer sowie insbesondere der Endothelzellstatus spielen eine entscheidende Rolle. In klinischen Studien wurden irreversible Endothelzellverluste mit konsekutiver Hornhautdekompensation als relevante Komplikationen beschrieben, ebenso entzündliche Reaktionen und eine sekundäre Kataraktentwicklung. Gerade der Endothelzellverlust bereitet erhebliche Sorgen, da er im Extremfall eine (Teil-)Hornhauttransplantation erforderlich machen kann. Vor diesem Hintergrund hat die Firma AbbVie das Konzept im vergangenen Jahr in Europa eingestellt. In den USA ist das Implantat weiterhin zugelassen, in Europa jedoch bislang nicht. Trotz dieser Einschränkungen bleibt die weitere Entwicklung dieses Ansatzes aus wissenschaftlicher Sicht interessant, und eine vertiefte Erforschung wäre wünschenswert.
Ich wünsche allen eine besinnliche Vorweihnachtszeit!
Joshua Torrent
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